Comic-Rezension: Der schreckliche Papst 1 (Jodorowsky/Theo)

Der schreckliche Papst - Splitter
Der schreckliche Papst - Splitter
Jodorowsky und Theo inszenieren in "Giuliano della Rovere" auf reißerische Weise den mafiösen Aufstieg eines machthungrigen und skrupellosen Kardinals

Alejandro Jodorowsky meldet sich zurück. Der chilenische Autor scheint von der mafiösen Struktur der Kirche in der Renaissance fasziniert zu sein, denn zuletzt hat er das Thema in Zusammenarbeit mit der italienischen Zeichner-Legende Milo Manara in Borgia (Kult) schon einmal bearbeitet. Diesmal wurde ihm der talentierte Newcomer Theo zur Seite gestellt, der sein Debüt hierzulande durch seine Arbeit Der tönerne Thron (Splitter) feierte. Der Zeichner-Neuling ist bekannt dafür, dass er sich auf historische Stoffe spezialisiert hat und sich nicht vorstellen könnte, einen Gegenwartscomic zu zeichnen. Am wohlsten fühlt er sich im Mittelalter und in der Renaissance, in Italien oder Frankreich. Damit scheint der perfekte Illustrator für Jodorowsky gefunden zu sein.

Facetten der Macht

Am 18. August 1503 findet der Borgia Papst Alexander VI. unter mysteriösen Umständen den Tod. Schon bei Tagesanbruch beginnt das Wettrennen auf den päpstlichen Stuhl. Um an ihr Ziel zu gelangen, ist den Anwärtern jedes Mittel recht. Selbst vor Mordversuchen schrecken die exklusiven Mitglieder des dekadenten und machthungrigen Zirkels im Vatikan nicht zurück. Kardinal Giuliano della Rovere, ein Erzfeind des einflussreichen Borgia-Klans, wäre sogar bereit, seine Seele dem Teufel zu verkaufen, um an das höchste Amt zu gelangen.

Intrige, Verschwörung, Gewalt, Sex, Bestechung, Verführung, Erpressung Mord – oder kurz: Macht. Wie in vielen seiner anderen Arbeiten dreht sich auch im Auftaktband von Der schreckliche Papst alles um die Facetten von Macht. Wie man Macht erlangt und erhält hat der italienische Philosoph und Politiker Niccolò Machiavelli unter anderen in Der Fürst veranschaulicht. Paradoxerweise fügt Jodorowsky den Staatsphilosophen als Kollaborateur von Kardinal Giuliano della Rovere ein. Die Jesuiten und der Papst wollten aber seinerzeit tatsächlich die Schriften des italienischen Staatsphilosophen aufgrund seiner Kirchenkritik verbieten lassen.

Vordergründige Kirchenkritik

Über diese historische Unstimmigkeit lässt sich natürlich hinwegsehen, wenn die Geschichte ansonsten spannend erzählt wäre. Aber die Machtgelüste und homosexuellen beziehungsweise pädophilen Praktiken des Kardinals bilden kaum ein interessantes Handlungsgelüst. Dem Leser ist von Beginn an klar, dass die skrupellose Figur della Roveres ihr Ziel erreichen wird. Somit baut sich kein Spannungsbogen auf. Die Serie als kirchenkritischen Historiencomic zu verkaufen ist zweifelhaft.

Erstens dient die krude dargestellte Erotik eindeutig zur Unterhaltung und zweitens wird ein verheerend harmloses, weil selbstverständlich erscheinendes, Bild der Pädophilie gezeichnet. Natürlich soll die diskreditierte Figur des Kardinals, der zweifelsfrei als Unmensch dargestellt wird, auf die Gefahren des Amtsmissbrauchs und die Folgen des Zölibats verweisen. Aber durch Jodorowskys beliebtes Stilmittel der maßlosen Übertreibung, auf die er so stolz ist, kann kein Leser mehr den Bezug zum vergewaltigenden Dorfpfarrer aus der Provinzstadt von heute herstellen. Schließlich verhindert auch die Entfremdung durch die historische Kulisse einen Brückenschlag zwischen den diabolischen Taten des Protagonisten und zeitgenössischen Vergewaltigern.

Reißerische Darstellung

Auch die reißerische Darstellung der Machtergreifung della Roveres erscheint in dieser Form höchst zweifelhaft. Obwohl der Nepotismus des späteren Papstes Julius II. tatsächlich überliefert ist, darf doch angezweifelt werden, ob die Vorgeschichte sich tatsächlich derart abgespielt hat. Zugegebenermaßen ist Jodorowsky in erster Linie natürlich Autor und nicht Historiker, aber die Vermischung von Unterhaltung und Fakten wird dann zum Problem, wenn die Geschichtsfiktion im authentischen Gewand des Historiencomics erscheint. Abgesehen davon, kann Der schreckliche Papst selbst in Hinsicht auf den reinen Unterhaltungswert nicht überzeugen.

Theos naturalistischer Zeichenstil lässt dagegen keine Wünsche offen: Die realistischen Bilder strotzen vor Detailreichtum und historischer Authentizität genauso wie die Gesichter der Figuren vor Mimik. Der Wechsel von der Darstellung von comictypischen Teilaspekten, dynamischen und atmosphärischen Bildern sorgt für Abwechslung. Die flächige Kolorierung Sébastian Gérards verfällt mit den bunten und leuchtenden Farben im Gegensatz dazu zu sehr in Effekterzeugung: Zu auffällig wirkt die Dominanz der roten Farbe, die gebetsmühlenartig wiederholt wird und natürlich mit Blut assoziiert werden soll.

(K)ein enttäuschender Auftakt

Jodorowsky-Fans werden allen oben aufgezeigten Argumenten zum Trotz glücklich mit der Lektüre von „Giuliano della Rovere“ werden. Die Leser, die keinen Wert auf eine hintergründige historische Darstellungsweise legen, sondern einfach nur unterhalten werden wollen, werden den Auftakt von Der schreckliche Papst gut bedient. Alle anderen werden aber enttäuscht sein. Mit Jodorowskys Mantra „nur außergewöhnliche Handlungen [sind] es wert, erzählt zu werden“ steht und fällt somit auch die Rezeption seines historisierenden Kirchencomics.

Alejandro Jodorowsky & Theo: Der schreckliche Papst 1: Giuliano della Rovere. Splitter, 2010. Hardcover, 56 Seiten. Euro 13,80.

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