
- Die Reise mit Bill - Splitter Verlag
Trucker (Carlsen), Kaputt in der City (Carlsen, Heyne), Kalter Krieg (Melzer), Die Wahrheit über Shelby (Carlsen), Die Haie von Lagos (Carlsen, Comic+) – die 1980er gehörten dem deutschen Comickünstler Matthias Schultheiss. Auf dem „Umweg“ über Frankreich eroberte der Hamburger die Comicwelt mit außergewöhnlichen Storys, die zwischen bittersüßer Melancholie und brachialer Härte neues Terrain erschlossen. Nun kehrt Schutheiss zurück und legt in der Splitter Books-Reihe eine 288seitige Graphic Novel vor, die einmal mehr beweist, dass er zu den ganz großen Erzählern des Mediums gehört.
Mystischer Selbstfindungs-Road Trip
Die Reise mit Bill erzählt von Luke und seiner Tochter Tweets, die ziellos auf den Straßen Amerikas unterwegs sind und auf das eine, entscheidende Ereignis warten, das ihr Leben verändert. Als sie dem beinlosen Krüppel Bill begegnen ahnen sie noch nicht, dass er ihrem Schicksal die entscheidende Wende geben wird.
Fortan befinden sie sich auf einem mystischen Road Trip irgendwo zwischen Traum und Realität. Sie begegnen absonderlichen Gestalten wie dem Sprengmeister, der mit den Häuser,, die er in die Luft jagen soll zunächst spricht, und erleben surreale Abenteuer wie einen Trip in die Hölle, der sich als gemeinsamer Traum herausstellt, oder doch nicht? Am Ende steht eine Erkenntnis, die aber erst durch Schweiß, Blut und Tränen verdient werden muss.
Plädoyer für die Reise und die Fantastik
Schultheiss‘ geniale Graphic Novel begeistert dadurch, dass sie fantastischen Elemente in der Wirklichkeit verwurzelt sind. Die surrealistischen und mystischen Abenteuer spielen in der Gegenwart Amerikas – irgendwo zwischen dem nächsten Diner und abgelegenen, verstaubten Straßen. Tweets ist sofort von der fantastischen Weltsicht Bills begeistert, wohingegen der rationale Luke Bill zwar auch als Freund liebgewinnt, aber dessen mystische Weltsicht stets mit trockenem Zynismus bespöttelt.
Dadurch liefert der Autor verschiedene Identifikationsfiguren und relativiert die fantastischen Elemente seiner Story. Zum großen Teil lässt er noch Spielraum für die eigene Interpretation offen, wobei seine persönliche Ansicht eindeutig durchklingt: er ist ein Anhänger des Fantastischen, wobei er andeutet, dass man sich im Leben nicht nur hinter Büchern verstecken soll, sondern das Leben entdecken, schmecken und spüren soll. Insgesamt klingt ein pantheistisches Weltbild des Comickünstler durch – das ist verkürzt ausgedrückt die Vorstellung, dass alles eine Einheit bildet und zusammengehört.
Filigraner Strich, facettenreiche Farben und filmische Perspektiven
Die Bilder sind phänomenal. Schultheiss graziler Strich, schwankt genau wie die Geschichte zwischen detailgetreuen Realismus und offener Skizzenhaftigkeit, die Raum für die eigene Fantasie lässt. Die aquarellnuancierten Farben leuchten und verschaffen dem surrealistischen Ton der Erzählung den stimmungsvollen Ausdruck. Hinzu kommt eine filmische Inszenierung der Bilder. Zooms, ungewöhnliche Perspektiven (zum Beispiel Vogelperspektive) und Überblendungen gehören zu den herausragenden Stilmitteln des Schultheiss‘.
Schultheiss meldet sich mit einem Paukenschlag zurück. Die Reise mit Bill ist eine herrliche elegische Saga, eine metaphysische Odyssee, ein surrealer Road Trip. Die kraftvollen Bilder machen aus der fantastischen Erzählung ein hypnotisches Roadmovie. Die Graphic Novel ragt aus der Splitter Books-Reihe weit hinaus und ist ausmahmlos jedem ans Herz gelegt, der gerne fantastische Geschichten liest. Die aufwendige Aufmachung – Hardcover mit Schutzumschlag – veredelt das 288seitiege Mammutwerk, das innerhalb kürzester Zeit den Klassikerstatus erreichen könnte.
Matthias Schultheiss: Die Reise mit Bill. Splitter Verlag, 2010. Hardcover mit Schutzumschlag, 288 Seiten. Euro 29,80.
