Comic-Rezension: Thorinth 5: Das große Ganze (Nicolas Fructus)

Thorinth 5 - Splitter
Thorinth 5 - Splitter
In seinem apokalyptischen Abschlussband fügt Fructus in hypnotischen Farben die letzten Puzzlestücke zu einem "großen Ganzen" zusammen

Thorinth ist ein Labyrinth im Innern eines gigantischen Turms, in das Verrückte und unerwünschte Personen verstoßen werden, und in dem man sich nur mit Hilfe der kleinen Schnuffels zurechtfindet, die den Turm zu Tausenden bevölkern. Thorinth wurde einst von dem Wissenschaftler Amodef erschaffen, um das menschliche Bewusstsein zu erforschen. Doch die ehrgeizige Architektin Esiath missbrauchte das fantastische Konstrukt für ihre eigenen Projekte. Sie formte einen Golem, der alle Seelen in seiner Umgebung in sich aufsog und die Herrschaft über das Labyrinth übernahm. Doch die so hermetisch abgeschlossene Welt gerät aus den Fugen, als ein Mann aus der Außenwelt in sie eindringt, um seine Frau zu finden.

Das große Ganze

Mit dem fünften Band „Das große Ganze“ hat Nicolas Fructus seine Debütserie Thorinth beendet. Die Albumreihe, die beim Splitter Verlag im gewohnten Hardcoverformat erscheint, ist genretechnisch nicht leicht einzuordnen. In der Fructus komplexer und vielschichtiger Serie tauchen Elemente der Phantastik, Fantasy, Science Fiction und Mystery auf.

Der Autor greift dabei inhaltlich auf wissenschaftliche Gebiete wie die Psychoanalyse genauso zurück wie auf spirituelle Themen aus Religionen wie dem japanischen Shinto oder aus der Esoterik. Hinzu kommt ein unüberschaubares Figurenarsenal, dass Fructus in vielen Haupt- und Nebenhandlungssträngen auftreten lässt, die Thorinth zu einer anspruchsvollen und fordernden Serie machen.

Apokalyptischer Abschluss des Zyklus

In „Das große Ganze“ bringt Fructus seine ausufernde Story zu einem Abschluss. Ausufernd ist dabei gar nicht unbedingt negativ gemeint. Natürlich kann man von Thorinth schnell überfordert sein und gleich nach dem ersten Band aufgeben. Aber wenn man sich auf die Serie einlässt und vielleicht zur Not den einen oder anderen Teil ein zweites mal durchliest, bekommt man als Leser eine abwechslungsreiche, individuelle, clever durchdachte und atemberaubende (Turm-)Welt präsentiert. Es ist halt mal etwas völlig anderes, unvorhersehbares, was Fructus seinen Lesern bietet.

In seinem apokalyptischen Abschlussband fügt der Autor noch die letzten Puzzlestücke zu seiner spirituellen Weltsicht hinzu, die starke Einflüsse des Pantheismus, Buddhismus und Shinto aufweisen. Auch die Entwicklung der Charaktere werden auf einen Schlusspunkt gebracht. Insgesamt macht es der Autor seines Leser aber nicht allzu einfach, indem er ihnen einen klaren Ausgang beschert. Durch sein offenes Ende lässt er Raum für die eigene Phantasie und weiteren Interpretationen.

Surrealistisches Artwork

Irgendwo zwischen Alice im Wunderland, der surrealistischen Malerei (zum Beispiel eines Salvador Dalì) und unzähligen, weiteren Versatzstücken ist Thorinth in ästhetischer Hinsicht anzusiedeln. Das Artwork der Serie hat es in sich. Die Zeichnungen sind bei den Hintergründen und Figuren atemberaubend, detailreich oder verspielt. Vor allem die oft leuchtenden, hypnotisch wirkenden Farben in den Gängen und phantastischen Räumen innerhalb des Turms sind einmalig.

Die Figuren wirken aufgrund des Verzichts auf schwarze Konturen plastisch. Jedoch muss kritisiert werden, dass die Figuren im Fortlauf des Serie leicht variiert erscheinen. Trotz einzelner Kritikpunkte bleibt Thorinth eine originelle und einzigartige Debütserie von Fructus, der in Zukunft sicherlich ein wenig an seiner Erzähl- und Kolorierungstechnik feilen wird, aber ansonsten schon gute Anlagen zu einem guten Comicerzähler besitzt. Man darf jedenfalls gespannt sein, ob und was als nächstes von ihm kommen wird.

Nicolas Fructus: Thorinth 5: Das große Ganze. Splitter, 2010. Hardcover, 56 Seiten. Euro 13,80.

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